Geh doch mal zur Casting Show!

Ich werde immer wieder mal gefragt, warum ich mir eigentlich die ganze Mühe mache, Musik selbst zu schreiben und zu produzieren. „Das geht doch viel einfacher, geh doch zu DSDS,“ heißt es da schnell, „die können doch eh alle nicht singen, da gewinnst du doch sofort“!

Tja. Das hab ich früher auch mal gedacht. Bis ich es vor ein paar Jahren mal ausprobiert habe und tatsächlich zum Casting einer solchen Show gegangen bin.

6 Wahrheiten über Casting Shows

Wahrheit Nummer 1: Es gibt unglaublich viele normale Bewerber

Zu Castings gehen zigtausende Bewerber. Aber neben ein paar ganz schrägen Vögeln sind dort überwiegend ganz normale Leute. Viele haben Instrumente dabei und singen schon vor dem Casting fröhlich vor sich her. Es gibt auch einige Spinner, aber die Meisten sind wirklich völlig normal.

Wahrheit Nummer 2: Warten, Nummern, Warten, Warten

Du musst stundenlang warten. Wirklich. Bis du drin bist, bis du eine Nummer verpasst bekommen hast, bis du in Gruppen aufgeteilt wirst, vor die richtige Tür gebracht wurdest. Warten, warten, warten. Bestimmt um die sechs bis acht Stunden, bis der ganze Act vorbei ist. Und du bist die ganze Zeit über extrem angespannt, weil du keine Ahnung hast, was als nächstes passiert. Am Ende gehst du total genervt und mit Kopfschmerzen wieder nach Hause.

Wahrheit Nummer 3: Viele Sänger und kaum Spinner

Da kann eh keiner singen? Haha. So ein Quatsch. Und wie die dort singen können! Während du auf dein eigenes Vorsingen wartest, bekommst du jeden anderen vor dir beim Singen mit. Ich war wirklich überrascht – entgegen dem, was im Fernsehen gezeigt wird, klangen manche Sängerinnen wie Lauren Hill und Whitney Housten (aber waren optisch nicht “außergewöhnlich”) und viele hatten schöne Stimmen, waren aber gesanglich nicht ganz so virtuos. Klar, ein paar quakende Frösche waren auch mit dabei, das waren aber wirklich nur ein paar. Es sieht immer nur so aus, als würden sich bei so etwas nur Trottel bewerben. Warum? Um die Zuschauer zu unterhalten!

Junge mit einer Gitarre

Wahrheit Nummer 4: Es gibt Pre-Castings

Keiner der tollen Jury-Promis hat Lust, sich an einem Tag 10000 Bewerber anzusehen. Der anfängliche Pulk wird deshalb für die eigentliche Show vorsortiert, was irgendwelche Fremden übernehmen. Das läuft dann so ab, dass du in irgendeinen schummrigen Raum kommst, dich auf ein X stellst, angeleuchtet wirst und irgendwas vorsingst. Irgendwer sagt danke und dann gehst du wieder. Danach dann wieder – du ahnst es sicher – warten, warten, warten.

Wahrheit Nummer 5: Die Show ist komplett kalkuliert

Die großen Plattenfirmen analysieren die Musikmärkte und suchen nur nach bestimmten Typen, die sie so gewinnbringend wie möglich vermarkten können. Wenn du bei einer Casting Show mitmachst und nicht weiter kommst, heißt es nicht, dass du schlecht bist, sondern einfach nur, dass du nicht perfekt in die Schablone gepasst hast, die sie schon angefertigt hatten. Eine Locke zu viel und du bist raus.

Wahrheit Nummer 6: Die “Spinner” werden absichtlich zum Affen gemacht

Bei den Pre-Castings werden Freaks und komische Vögel gezielt ausgewählt. Als ich damals dort war, gab es auch einige Typen, die ganz offensichtlich dachgeschädigt waren. Unter anderem einen Mann im übergroßen Anzug, der gesanglich ähnlich talentiert war, wie der linke Absatz meiner alten Lederschuhe. Er war extra (ich glaube aus der Schweiz?) mit einem selbstgebackenen Kuchen für die Jury angereist, über den er auch ununterbrochen gequasselt hat. Als dann am Ende nach acht Stunden Warten die glücklichen Gewinner ausgerufen wurden, war er einer davon. Allerdings war die Message an diejenigen, die weiter durften: „Ihr seid alle weiter, weil ihr so viel Talent habt, und weil ihr so toll singen könnt“. Zumindest an diesem Tag konnte weder der Kuchen-Kerl noch irgend ein anderer der „Auserwählten“ singen. Keine der Lauren Hills oder Whitney Houstons waren mit dabei. Alle, die genommen wurden, wurden absichtlich in die Irre geführt und später im Fernsehen verheizt. Dass den „Auserwählten“ von den Jury-Promis dann beim richtigen Casting völlig vor den Kopf gestoßen wird und sie im Fernsehen für die Show lächerlich gemacht werden, ist von den Machern konstruiert. Die Zuschauer wissen das natürlich nicht. Die fragen sich nur: “Wie kann es sein, dass der Kerl echt dachte, er hätte Chancen?”

Freak

Wie die Schafe

Ich habe damals bei zwei verschiedenen Casting Shows mitgemacht und bei beiden lief es ähnlich. Der ganze Auswahlprozess erinnert doch stark an das Verladen von Viehherden. Ahnungslos, wie man meistens ist, wird man zusammen mit tausenden anderer Mitbewerber zuerst etikettiert und von Raum zu Raum geschoben. Bis man am Ende vom Laster fällt, weil man nicht die richtigen Grübchen hat.

Wie die Lämmer

Casting Shows sind Konstrukte, die Musikfirmen und deren Werbepartner reich machen. Und nur die. Ich vermute, sie funktionieren nur deshalb, weil sie uns im Grunde das Märchen vom Aschenputtel vorgaukeln, das irgendwann mal vielleicht Prinzessin wird.

Wie siehst du das?

Bist du ein Fan von Castingshows? Wenn ja, welche genau und warum?

Oder warst du vielleicht selbst schonmal bei einem Casting?

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Bilder: www.pexels.com